Offener Brief

Sehr geehrter Herr Bundesumweltminister Carsten Schneider,

zunächst möchten wir Ihnen gratulieren.

Sie haben geschafft, wovon viele Wissenschaftler nur träumen können: Sie haben die Ursache für die Algenblüten in der Ostsee offenbar eindeutig identifiziert.

Die Landwirtschaft.

Eine bemerkenswerte Erkenntnis. Denn seit Jahren beschreiben Wissenschaftler die Ostsee als eines der komplexesten Meeresökosysteme Europas. Sie sprechen von Nährstoffeinträgen aus unterschiedlichen Quellen, historischen Belastungen der Sedimente, kommunalen Kläranlagen, industriellen Einleitungen, atmosphärischen Stickstoffeinträgen, grenzüberschreitenden Einträgen aus den Ostseeanrainerstaaten und den Auswirkungen des Klimawandels.

Sie hingegen schaffen es, dieses komplexe Geflecht auf einen einzigen Verursacher zu reduzieren.

Das klingt zunächst angenehm einfach.

Fast zu einfach.

Genau deshalb haben wir Sie gebeten, uns die wissenschaftlichen Grundlagen Ihrer öffentlichen Aussagen zu benennen.

Nicht, weil wir die Herausforderungen der Ostsee kleinreden wollen. Sondern weil wir überzeugt sind, dass Umweltpolitik auf Fakten beruhen sollte – und nicht auf zugespitzten Botschaften.

Bis heute warten wir auf diese Quellen.

Vielleicht existieren Studien, die der wissenschaftlichen Gemeinschaft bislang verborgen geblieben sind. Vielleicht verfügen Sie über neue Erkenntnisse, die sämtliche bisherigen Bewertungen auf den Kopf stellen.

Sollte das der Fall sein, wären wir die Ersten, die sich damit sachlich auseinandersetzen würden.

Sollte dies jedoch nicht der Fall sein, stellt sich eine andere Frage:

Warum wird ein gesamter Berufsstand öffentlich zum Hauptverantwortlichen erklärt, wenn die wissenschaftliche Realität deutlich komplexer ist?

Landwirtinnen und Landwirte sind bereit, Verantwortung zu übernehmen. Das tun sie seit Jahren – mit strengeren Düngevorgaben, moderner Ausbringtechnik, erheblichem bürokratischem Aufwand und hohen Investitionen in den Gewässerschutz.

Was wir jedoch nicht akzeptieren können, ist die Reduzierung eines vielschichtigen Umweltproblems auf einen vermeintlich einfachen Schuldigen.

Die Ostsee wird nicht sauberer, wenn man mit dem Finger auf die Landwirtschaft zeigt.

Sie wird sauberer, wenn Politik bereit ist, alle Ursachen ehrlich zu benennen – und Lösungen gemeinsam mit Wissenschaft und Praxis zu entwickeln.

Deshalb erneuern wir unsere Bitte:

Legen Sie offen, auf welche wissenschaftlichen Quellen Sie Ihre öffentlichen Aussagen stützen.

Sollten diese Quellen Ihre Aussagen belegen, werden wir uns damit auseinandersetzen.

Sollten sie das nicht tun, erwarten wir, dass Sie dies ebenso öffentlich klarstellen.

Denn eines sollte für eine faktenbasierte Umweltpolitik selbstverständlich sein:

Nicht die Lautstärke einer Aussage entscheidet über ihre Glaubwürdigkeit.

Sondern ihre wissenschaftliche Grundlage.